Nr. 202: Willkommen in der Wirklichkeit

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

jawohl, meine Texte lassen es bei aller Verbindlichkeit nie an Prägnanz und Schärfe fehlen. Und deshalb gilt weiterhin: Der Finger muss in die Wunde! Es muss wehtun. Das ist mein Antrieb! Nur so weckt man den trägen und selbstgerechten Menschen auf.

 

Mit den Entwicklungen der jüngsten Zeit wird meine kritische Tonalität Schritt halten. Versprochen! Beliebigkeit werden Sie in meinem Blog nicht finden. Den Schwachstellen in der Gesellschaft gilt meine Aufmerksamkeit, nicht dem Heilen und Positiven. Das läuft von alleine.

 

Eine Anmerkung aus gegebenem Anlass: Mir wurde lyrischer Zynismus vorgeworfen. Natürlich kann jeder meine Texte so bewerten, wie er will. Eine sachliche Klarstellung ist dennoch dringend geboten:

 

Zynismus ist böse, verletzend, zerstörerisch. Was Sie im Lyrikjoint lesen, ist das genaue Gegenteil. Es ist wie beim Arzt. Nur wer die Diagnose kennt, findet eine Therapie.

 

Ich beschreibe die Wirklichkeit. Das nennt man Journalismus. Und wenn die Wirklichkeit überspitzt wird, dann nennt man das Satire. Auf also: Willkommen in unser aller Alltag!

 

 

Ein Mensch

 

Ein Mensch, ein wenig wie wir alle,

beschließt im Not- und Krisenfalle,

sein Mitgefühl zu aktivieren

und sich spontan zu engagieren.

 

Denn was er sieht, was er auch hört,

stets wird die Laune ihm gestört.

Statt Friede, Freude, Eierkuchen,

muss er nur Not und Krieg verbuchen

 

Kaum schlägt er seine Zeitung auf,

da nimmt das Elend seinen Lauf.

Er sieht in große Kinderaugen,

die längst zum Freuen nicht mehr taugen.

 

Die Eltern tot, die Heimat weit.

Kaum Hilfe gibt es weit und breit.

Auch abends mittels Fernsehbildern

lässt sich der Mensch das Elend schildern.

 

Da werden Menschen bombardiert,

und Dorf´ und Städte ausradiert.

Ein ganzes Land ist auf der Flucht,

vor der brutalen Großmannssucht.

 

Und auch zu Hause herrscht die Not.

Die Kranken sterben frühen Tod.

Der Staat bezahlt die Pflege schlecht.

Man pflegt längst nicht mehr fachgerecht.

 

Der Mensch zermartert sein Gewissen

und wird nun jeden Abend hissen

die Flagge vom Ukrainerland.

Das freut den armen Exilant.

 

Und auch die blau und gelben Socken

helfen, Putin auszuknocken.

Wo unser Mensch jetzt Not vermutet,

schon in sein Beileidshorn er tutet.

 

Von dem Balkone singt er Hymnen,

der Pflege Beistand zu verkünden.

Und immer schaut der Mensch verbittert,

wenn er ein großes Unrecht wittert.

 

Das kost´ ihn nichts. Er fühlt sich gut.

Wie schön ist es, wenn man was tut.

Hinweg sind die Gewissensqualen.

Man kann mit Gutsein sogar prahlen.

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