Nr. 210: Ist Lob hier oder Schelte angebracht?

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

nehmen wir an, Sie haben einen anregenden Stadtbummel in Wolfenbüttel verbracht, haben sich an den architektonischen Zeugnissen einer alten Stadt erfreut, Ihre Seele ist hochgestimmt von so viel Schönheit und nun wollen Sie die Erlebnisse in einem idyllischen Fleckchen Revue passieren lassen.

 

Ich weiß, wo Ihnen das am wenigsten gelingt. Auf dem Schlossplatz. Der ist nämlich bei der jüngsten Neukonzeption völlig daneben geraten.

 

Ich sage Ihnen auch warum. Der Platz ist das Ergebnis des kleinsten gemeinsamen Nenners aller an der Sanierung beteiligten Stadtgruppen. Alles, was hätte originell sein können, wurde eliminiert.

 

Demokratie geht nämlich nur bei Politik, nicht bei Kunst. Das traurige Ergebnis ist zu besichtigen.

 

 

 

Kompromiss in Stein

 

Da liegt er nun in seiner Pracht,

der Stein geword´ne Kompromiss.

Ein Kunstwerk oder Ärgernis?

Ist Lob hier oder Schelte angebracht?

 

Gefunden wurd´ der kleinste Nenner.

Ein jeder sollte seine Meinung sagen.

Denn das erspart – ex post – das Klagen

der selbsternannten Heimatkenner.

 

Nun, wie gesagt, da liegt er jetzt.

Ein Platz mit riesenhaften Dimensionen.

Flanieren wird sich dort kaum lohnen,

denn unbehaust ist, wer sich niedersetzt.

 

Der Platz entbehrt des Glücksmoments.                                  .

Nur Fläche, protzig hingebreitet.

So wird - historisch inkorrekt – geweitet

zum Monsterreich die kleine Residenz.

 

Die steht für Kunst, Musik, Theater.

Für Werte eines so gelebten Lebens.

Ein Zeichen dafür sucht man hier vergebens.

Hier fehlten Bauherr und Projektberater.

 

Ob ich ihn dennoch zu ertragen lerne?

Das ist ein Platz für Untertanen.

Am Rande flattern müde Fahnen

Und hoch oben lächeln still die Sterne.

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