Das Dragus-Ensemble entzieht sich Schubladendenken

 

Publikum in St. Trinitatis war verzückt

 

Von Rainer Sliepen, 7. März 2022

Von Wehmut bis Explosivität überzeugend: Das Bogdan-Dragus-Ensemble in St. Trinitatis

Wer seine Umwelt gerne in Schubkästen sortiert, der hatte es gestern Abend in St. Trinitatis beim nahezu aus­ver­kauf­ten Konzert des Wen­des­ser Kirchbau­ver­eins schwer. Das Ensem­ble, be­ste­hend aus dem Vio­linvir­tuosen Bogdan Dragus, Mit­glied der NDR Radiophil­harmonie, sei­ner Frau Roxana Blaga, Cellistin beim Staats­or­chester Braun­schweig, da-zu der Pianist André Hammer­schmied und Bern­ward Jaime Rudolph mit der Gi­tarre entzogen sich üblichen Klassifizie­rungen.

   War das nun Klas­sik, Jazz, war es Folklore vom Balkan, spielte da eine Roma-For­mation feurigen Csárdás un­gari­schen Kolo­rits oder stand hier Film-mu­sik Pate? Sie ahnen es schon. Das Beste von allem rührte das Ensem­ble, zeit­weilig ver­stärkt durch Ro­xanas und Bogdans 11jähri­gem Sohn Alexander Dragus, zu einer attraktiven Mix­tur von Temperament und Sehn­sucht zusam­men. Wie in der ersten Pro­gramm-nummer. Da flirrt die Violine Atmo­sphä­risches, grundiert von Klavier und Cello, das an Rodrigos „Aran­juez-Con­cierto“ den­­ken lässt. Von der Gitarre tropfen Ak­korde, plötzlich reißt der Klangvorhang auf und Vivaldis hinrei­ßender „Früh­­ling“ ertönt. Doch auch hier wieder

Ver­wand­lung durch freie Variation der klassi­schen Themen, die Bilder von struppigen Pferd­­chen und Ziehbrunnen aufstei­gen lassen. Und nichts sperrt sich gegenei­nan­der. Auflö­sung von Ge­gensätzen in Har­mo­nie.    Dann eine hin­reißende In­terpretation der Virtu­o­sität des Niccolo Pa­ga­nini. Ganz stolzer Vater, gibt Dragus seinem Sohn Gelegenheit zu atembe­rau­benden Ton­folgen, akroba­tischen Pizzi­cati und hinge­bungsvoller Melodik. Vor­her Roxanas Cello mit dem „Schwan“ aus Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere.“ Da spiegelt sich der Mond im geheimnisvoll aufleuch­ten­den Wasser und der Schwan gleitet mit aus­drucksvoller Emphase da­hin.

   Musik kann beruhigen, erregen, zum Meditieren er­muntern und Leiden­schaft erzeugen. Wie beim folgen­den Fla­menco. Die Gitarre setzt die Tonali­tät mit einem vibrierenden Solo, Cello und Piano klin­ken sich ein und reichern das spa­nische Ambiente mit jaz­ziger Ba­ratmo-sphäre und rockigen Perkussionsele­menten an. Die Befreiung des Flamen­cos aus sei­nem mit romanti­schen Versatz­stücken ge­bauten Gefäng­nis. Konven­tio­nell, gleich­wohl packend dann eine Version des 5. Unga-rischen Tanzes von

Jo­hannes Brahms. Ge­konnt verzö­gerte Pau­sen, peit­schende Ak­zente, ein Vor­wärtsdrän­gen, das fesselte.

   Nach der Pause popu­läre Filmmusik, so das Thema aus „Schind­lers Liste“ von John Willi­ams, schlicht und deshalb er­greifend singt die Violine ihr wehmütiges Lied, weitab von jeder Sen­ti­men­talität. Der nächste Stim­mungswechsel mit dem Thema des „Fiddler on the roof“ aus Anate­vka. Das Ensemble wechselt von fröhlicher Gottergebenheit über tänzerische Ausgelas­senheit bis zur unbändi­gen Komik. Wirbelige Vir­tuosi­tät mit kunstvollsten Dop­pelgriffen und grellen Klangfarben sind hier die musikalischen Zutaten. Und dann noch eine Ent­deckung mit einer graziö­sen, sich wiegenden Komposition der blinden österreichischen Maria Theresia von Paradis, bewundert von Haydn und Mozart.

   Im Finale explo­diert das Ensemble gera­dezu mit einer ansteckenden Vita­li­tät, alles ist Dynamik, glitzernde Bewe­gung, Dragus´ Violine schluchzt, wispert, stöhnt und rast wie ein Derwisch durch die Tonlandschaft. Danach kann nichts mehr kommen als langer en­thusiastischer Beifall.