Ein Konzert zwischen Romantik und Moderne

Das Duo Villanueva-Dumont überzeugt mit sensibler Spielkultur

 

25.04.2022, von Rainer Sliepen

 

Isabel Villanueva, Viola, und Francois Dumont, Klavier, in der Johanniskirche Wolfenbüttel   Foto: Sliepen

 

 

Romantisch-modern“, so hat das Duo Villanueva-Dumont sein Programm im Rahmen der St. Johannis-Kammer-konzertreihe überschrieben. Und in der Tat, der Entste-hungskreis der Werke er-streckt sich von 1851 bis 1919. In dieser Zeit werden die klassischen Traditionen durch formlos dissonante Musiksprache ergänzt und abgelöst. Deutet sich da eine Überforderung der Ohren und der Aufnahmefähigkeit des Publikums an? Keine Panik. Neben dem Klavier mit dem renommierten Pianisten Francois Dumont, Preisträger großer internationaler Kla-vierwettbewerbe, ist Isabel Villanuevas Viola gewisser-maßen die Sachwalterin jener Zuhörerinnen und Zuhörer, die dem roman-tischen Gehalt der Musik nachzuspüren wünschen.

 

Und bereits mit Manuel de Fallas 1914 komponierter „Suite populaire espagnole“ wird die Tonalität des Kon-zerts deutlich. Wer hier Feuer und Leidenschaft, Emotion und Temperament erwartet, liegt richtig. Aber die beiden Interpreten breiten einen duftigen Schleier über die Reflektionen de Fallas aus. Hartes wird geglättet, Kanten werden gerundet. Das Populäre der Suite kommt sanft und zart daher. Fast zu zurückhaltend, könnte man beim Violaspiel vermuten. „Der maurische Schal“ („El pano moruno“) windet sich mit anmutigen Violafiguren und Pizzicati wie beiläufig elegant um den unverkennbar vom Flamenco

geprägten Rhythmus des Klaviers. Das ist Spanien, aber wie auf einem Gemälde, das auf grelle Farbwerte verzichtet. Wie in „Nana“, einem Wiegenlied. Die Viola singt ausdrucksstark eine schwebende, vom Piano getragene Melodie, voller Wärme und Zuneigung. Die-

se Stimmungswerte durch-

ziehen die Suite, ob sie nun vom Spiel zwischen Hell und Dunkel, von lebhafter Grazie oder tänzerischem Übermut erzählen. Eindrucksvoll ist die Abstimmung zwischen Viola und Klavier. Perfekt inein-

andergreifend, wie ein har-

monisches Tanzpaar, erzäh-

len beide von der spanischen Seele, von Melancholie und drängender Lebenslust.

 

Dann Robert Schumanns „Märchenbilder“. Romantik ins Nördliche gewendet. Hier werden keine Geschichten erzählt. Hier wird das Un-sichtbare hinter dem Sicht-baren beschworen, das Geheimnisvolle, das die Sinne erregt. Wieder eine traumwandlerische Abstim-mung, keine Dominanz eines Instruments. Die südliche Melancholie des schönen Schmerzes macht dem Waldesdunkel Platz, der die Herzen erschauern lässt. Und so ziehen die Sätze vorüber, mit einer innigen Melodie, wie ein vertrautes, intimes  Gespräch und einer auf einem Schumann-Lied basierenden Szene einer bösen Hexe, zupackend gespielt, voll drohendem Melos. Dann wieder die Nervosität des Halbdunkels

mit virtuosen Aufschwüngen der Viola und schließlich der Abgesang. Romantissimo gewissermaßen. Leise we-  

bend, voller Wärme, mit glüh-

enden Farben und von zärtlichem Trost, wie es sich für ein richtiges Märchen gehört. Johannes Brahms´ Sonate op. 120,2 meidet dagegen den romantisieren-den Überschwang. Das Duo spielt die Satzfolge in heiterer, gelöster Stimmung, die immer wieder wie in einem Rückblick Nachdenk-lichkeit und Wehmut streift, am schönsten im Andante. Da singt die Viola aus-drucksvoll ihr Lied, immer wieder von Phasen des zögernden Innehaltens unter-brochen.

 

Schließlich die Moderne. Rebecca Clarke hat ihre Sonate 1919 geschrieben, in einer Zeit der künstlerischen Umbrüche. Es beginnt „impetuoso“, also stürmisch, wie ein grelles Signal zum Aufbruch in eine neue Phase der Musik. Doch das Duo lässt seine Zuhörer nicht verstört zurück. Die beiden Künstler bewegen sich eher in der Klangwelt des Johannes Brahms mit freundlich gestimmter Lyrik. Doch das Duo lässt es immer wieder impressionistisch flim-mern und scheut auch - wie im Mittelsatz – nicht die Rei-

bung harter Dissonanzen. Ein echtes Repertoirestück, das niemanden erschreckt. 

Viel Beifall für ein Duo, das mit sensibler Interpretations-kultur die wesenslogischen Zusammenhänge ihres Pro-

gramms freilegte. Langer, dankbarer Applaus.