Foto: Rainer Sliepen

 

Leidenschaft und Schmerz

Das Gyldfeldt-Quartett spielt in St. Johannis

 

28.03.2022, von Rainer Sliepen

Die rege Publikumsresonanz war angesichts des durchaus anspruchsvollen Kammermusik-programms so nicht unbedingt zu erwarten. Offensichtlich kann sich die Konzertgut-Veranstal-tungsserie in der St. Johannis-kirche mittlerweile auf eine feste Hörergemeinde stützen. Einge-laden war das junge Gyldfeldt-Quartett. Namensgeber ist der 1. Geiger August Gyldfeldt Magnusson, mit Jonas Reinhold, 2. Violine, der Bratscherin Sarah Praetorius und der Cellistin Anna Herrmann.

 

„So schlimm ist der Schnittke gar nicht“, sagt der Veranstalter Martin-Winrich Becker in seiner Begrüßung mit einem Lächeln. Bevor Alfred Schnittkes Quartett Nr. 3 von 1983 erklingt, ist der Quartettsatz c-moll, der erste Satz eines unvollendet geblie-benen Streichquartetts von Franz Schubert zu hören. Ein Torso, der vollkommen ist. Für den Komponisten nicht un-typisch. Die Gyldfeldts sind mit dem ersten Ton präsent. Ein nervöses Sirren und Kreiseln leitet über in ein sehnsüchtiges liedhaftes Thema. These und Antithese in unmittelbarem Kontrast. Beunruhigend das Eine, lieblich, ja zärtlich das Andere. Unvereinbares durch Schuberts Genie verbunden. Ebenso kontrastreich der Klang. Kompakt und schneidend. Und schon abgelöst durch kristall-klare Durchsichtigkeit und ly-rische Anmut. Dazu das Spiel mit der Dynamik. Heftigste Kon-traste irritieren den Hörer. Zar-teste Nuancen stehen stärkstem Forte gegenüber.

 Nichts ist vorhersehbar, überall lauern Erschütterungen, wie ein zwanghafter Dialog zwischen Angst und Zuversicht. Das Biedermeier als dünne Folie über gesellschaftlichen Abgrün-den – ist es das, was Schubert den Hörern sagen will?

 

Dann mit Schnittkes Quartett eine andere Welt und doch Ähnlichkeiten. Die Beibehaltung einer Satzstruktur gibt beim Hören Halt. Das auf Zumutun-gen vorbereitete Ohr wird überrascht. Das Andante er-öffnet mit einem romantisch durchgefärbten kurzen Thema. Doch schon bauen sich schnei-dende Dissonanzen auf, chro-matische Abstürze und schlei-fende Tonfolgen greifen inein-ander. Doch alles entwickelt sich ohne schmerzende Hektik. Hinter dem instrumentalen Geflecht ist die Harmonie prä-sent. Als ob Schnittke immer wieder ein Fenster öffnet, durch das traditionelle Musikelemente hineinwehen. Polystilistik nennt er diese Idee. Die Phantasie löst Rätselhaftes. Ein Streicherge-flecht. Gezwitscher, wie in einer Volière. Farbig, anmutig und vieldeutig zugleich. Nur eines nicht: Langweilig. Auch im Agitato überschriebenen 2. Satz Gemütliches neben Grellem. Ein tänzerischer wiegender Einstieg. Und schon explodiert die Harmonie, wie ein Feuerwerk zu Silvester. Die Gyldfeldts lösen kompakte Flächen immer wieder in fantastisch anmutende Details auf und formen sie wie ein Puzzle zu neuer Gestalt. Wer Ruhepausen braucht, bekommt sie durch funkelnd schöne Passagen.

 Der Finalsatz ist mit „pesante“ für „schwer“, „schleppend“ be-titelt. Und so setzt der Satz ein, breit fließend, in klagender Stimmung. Und da, aus der Formlosigkeit ein Thema von schubertischer Wehmut. Diese Effekte durchziehen den Satz, aufregend, verstörend und tröst-lich zugleich. Eine hochsensible Leistung der wie aus einem Guss spielenden Künstler.

 

Zum Finale Vertrautes, das Quartett c-moll von Johannes Brahms. Wie ein Sprinter beim Startschuss stürzen sich die Gyldfeldts in den von Brahms entfachten Gefühlstaumel. Es sind weniger die Brahmsschen Themen als die hemmungslose Leidenschaft, die sich hier beeindruckend verströmt. Die Energie ist auch in den lyrischen Wendungen stets präsent. Orchestrales wechselt mit Lieb-lichem, das immer wieder mit packendem Zugriff ins Drama-tische gewendet wird. Die melancholische Romanze ähnelt einem zärtlichen und doch drängenden sehnsuchtsvollen Liebesgesang. Klagend, wie ein langer tiefer Seufzer zieht dann das Allegretto molto vorbei, aufgehellt durch eine an Dvoraks Tonsprache erinnernde Passage.  Auch im Finale wie-der die spannungsreiche Aus-einandersetzung zwischen Kampf und Ergebung, bis das Werk in einer effektvollen Coda schließt. Langer Applaus für die ausgewogene und farbige Ge-staltung und die Vermittlung ei-nes unbekannten Meisterwerks. Eine Zugabe.