Grandioses Konzert des Niedersächsischen Jugendsinfonieorchesters

 

Öffentlicher Auftritt nach Probenphase in der Landesmusikakademie Wolfenbüttel

James Hendry und das Jugendsinfonieorchester in Wolfenbüttel

 

Wolfenbüttel, 24. Juli 2022, von Rainer Sliepen

Kiandra Howarth, Sopran, und Guillermo Valdés, Tenor

Er gehört zweifellos zu den funktional und ästhetisch gelungensten Konzertsälen, die ich kenne. Und lässt doch an das Märchen von Dornröschen denken. Denn so, wie die schöne Königs-

tochter hinter ihrer Dornenhe-

cke  von der Außenwelt ab-geschirmt ist, präsentiert sich an diesem Abend der große Orchestersaal in der Landes

musikakademie Niedersach-

sen in Wolfenbüttel. Zu Gast ist das Niedersächsische Jugendsinfonieorchester. Ei-ne zehntägige Probenphase

hat es absolviert, im Kollektiv, in Einzelproben, nach Stimm-gruppen getrennt. Stimm-führer des Staatsorchesters Hannover, der Hamburger und der Bremer Philhar-moniker haben mit ihnen geübt, in Geist und Sprache der Musik eingeführt. Und - wie es in der Landes-musikakademie üblich ist - präsentieren sie jetzt der Öffentlichkeit ihr Programm in einem Konzert. Doch diese glänzt durch Abwesenheit. Ich will die Gründe hier nicht thematisieren. Nur eines: Viele Städte würden sich darum reißen, Gastgeber eines solchen Ensembles sein zu dürfen. Bei uns ist eben manches anders. Im Orchester sitzt die Landeselite des 13- bis 21jährigen Nachwuchses. Der wird an diesem Abend dirigiert vom 1. Kapellmeister der Staatsoper Hannover, James Hendry. Auch ein Statement zur Qualität der jungen Leute. Eben hat er noch in der Neuinszenierung von „Eugen Onegin“ brilliert, jetzt geht es um die Blockbuster der Romantik.

 

Zu Beginn Verdis Ouvertüre zur „Macht des Schicksals“. Kräftige Posaunensignale zum Auftakt und dann die wundervollen Kontraste, dramatisch mit Wucht und schmerzvoller Wehmut. 

Der Konzertsaal in Wolfenbüttel

Hendry hält mit tempera-mentvollem Gestus die Spannung hoch und gibt immer wieder Raum für die melodiös zarten Einschübe der Holzbläser, grundiert von der Harfe. Nach graziös anmutiger Zwischenpassage schließlich eine fulminante Stretta mit allem, was der Orchesterapparat an Effekten hergibt.

 

Die rauschenden hymnischen Effekte in Wagners „Meister-singer-Ouvertüre“ gelingen ähnlich effektvoll, ebenso die delikat eingebauten Holzblä-serpassagen. Mit viel Einsatz gelingt es Hendry, die Span-nung in den verbindenden Passagen hoch zu halten, bis schließlich auch hier das Werk in einem allumfas-senden triumphalen Hymnus festlich schließt. Dazwischen vokale Glanzlichter mit Kiandra Howarth, Sopran, und Guillermo Valdés, Tenor. Jetzt heißt es für das Orchester sensible Beglei-tung der Kostbarkeiten aus „Turandot“, Madama Butter-fly“, „La Bohème“ und „Lohengrin“. Die beiden So-listen überzeugen mit einer wie selbstverständlichen italianitá, strahlend ausge-sungene tenorale Höhen von Valdés und einer warmen Innigkeit von Howarth, die ihren Sopran mit geschmei-diger Flexibilität in glanzvolle Extrovertiertheit wendet.  Bei-de imponieren mit einer überzeugenden Ausstrah-lung, die die Herzen des Publikums mühelos erreicht.

 

Zum Abschluss das Haupt-werk, Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6, die „Pathétique“.  "Seine Lebensbilanz", so der Komponist. Hier gilt es, für das Geheimnisvolle, das Unaussprechliche den rich-tigen Ton zu finden.  Solo-fagott und Posaunen setzen im Kopfsatz die Tonalität. Das düstere Thema schleicht sich durchs Orchester, bedrü-ckend die Stimmung, auch dann, wenn die Violinen lichtere Akzente setzen. Alles wirkt gehetzt, unruhig, so, wie der Komponist sein Leben außerhalb der bürgerlichen Normen empfunden haben mag. Tröstlich dann das weiche liebevolle Thema voller Wärme und innerer Ruhe. Flöte, Klarinette, Fa-gott finden zu einer har-monischen Einheit, die Tschaikowskys Seelenzu-stand kurz vor seinem rätselhaften Tod entsprochen haben mag.

Alles im Blick:James Hendry

  Und dann das himmlische Klarinettensolo und der bru-tale Orchesterschlag. Zerbro-chen die Illusionen, fort die Träume. Hier spürt man das intensive Eintauchen des Orchesters in die Psyche des Komponisten, der seine „Sechste“ als sein bestes Werk bezeichnet hat. Dann - welch Einfall - der Walzer, den die Jugendlichen schwungvoll mit großer Hingabe musizieren. Doch auch hier Gebrochenheit. Phasenweise scheint sich der Tanz auf der Stelle zu drehen. Hier bremst Hendry klug das Tempo ab. Leere statt Lebensfreude. Der Walzer als Symbol sinn-losester Bewegung. Im Allegro molto dann fast purzelige Sommernachtsfreu-de. Virtuos finden Streicher, Holz und Bassgruppe zu einem taumeligen Wirbel, der in einen hektisch überdrehten pompösen Marsch mit grellem Blech und gewaltigen Beckenschlägen mündet und wie eine plötzlich abgedrehte Wasserfontäne in sich zusammenstürzt.

 

Schließlich das Finale. Die Ruhe nach dem Sturm. Tschaikowskys Ende, von ihm selbst in Töne gesetzt. Adagio lamentoso. Ein einziger langer instru-mentaler Seufzer. Schönheit und Schmerz. Der Abschied. Stilprägend für Gustav Mahler im Finalsatz seiner 9. Sinfonie. Dann ein letztes gewaltiges Aufbäumen des vollen Orchesters und einge-leitet von der Posaunen-gruppe der Abgesang. Das Verlöschen. Tschaikowskys Requiem.

 

Eine erstaunlich reife Leistung der jungen Leute, angeführt vom charisma-tischen Dirigenten James Hendry. Langer dankbarer Beifall der berührten Zuhörer.

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