Nr. 237: So weit ist es schon fortgeschritten...

 

Liebe Leserin, lieber Leser, 

 

zum Jahreswechsel 2022/2023 ein Gedicht aus der Reihe „Ein Mensch“. Dieser Mensch zieht eine ganz persönliche Bilanz anlässlich seines Geburtstags.

 

Auch, wenn Sie keinen Geburtstag haben, nutzen Sie den Jahreswechsel zu einer Reflektion über die Ereignisse in 2022. Ich garantiere Ihnen: Man lernt, wird demütig und  vielleicht freut man sich über manches zu Unrecht Übersehene. Als los, nur Mut!

 

 

 

Ein Mensch

 

Ein Mensch, nicht eben jung an Jahren

mit Falten und Verlust an Haaren,

doch insgesamt voll Lebenslust,

ist plötzlich sich des End´s bewusst.

 

Genullt hat er des öfteren schon,

doch diesmal zeigt die Addition

von Jahren aus dem Lebenslauf

die Endlichkeit des Lebens auf.

 

So weit ist es schon fortgeschritten?

Grad stand ich in des Lebens Mitten,

so denkt er sich voll Groll und Zorn.

Begänn es doch noch mal von vorn.

 

Da werden Bilder in ihm wach.

Vom Krieg und aus der Zeit danach.

Von enger Wohnung, kargem Essen.

All das hat´ er schon längst vergessen.

 

Von Städten, die Ruinen glichen

und Menschen, die der Not nicht wichen.

Die unverzagt mit aller Kraft,

das, was uns heute nutzt, geschafft.

 

Dann denkt er an die Studienzeit.

Den Ernst und auch die Fröhlichkeit.

Dem folgten schnell des Lebens Zwänge

mit des Berufes Freud und Strenge.

  

 

 

 

 

 

Und zwischendurch gab´s die und die.

Doch echte Liebe war es nie.

Bis sie in die Arena trat,

ein hübsches Mädchen lieb und zart.

 

Mit braunem Aug´ und schwarzem Haar.

Die Zeit, denkt er, war wunderbar.

Schon bald getauscht war´n Kuss und Ringe.

Ein jeder glaubt´, die Eh´ gelinge.

 

Und in der Tat, nach kurzer Zeit,

da machten sich zwei Zwerge breit.

Zwei Mädchen lieb und wunderschön,

wie ihr noch heute könnt es sehn.

 

Die haben auch schon längst gefreit.

Vier Kinder sind an ihrer Seit´.

Der Zorn des Menschen ist dahin.

Nur Dankbarkeit erfüllt den Sinn.

 

Er freut sich seiner vielen Jahre.

Und denkt sich, Gott bewahre,

ich hatt´ doch alles Glück der Welt.

Ganz so, wie ich´s mir vorgestellt.

 

Ich danke euch, ihr lieben Gäste,

dass ihr dabei seid heut´ beim Feste.

Nun bleibt mir nur noch, euch zu raten,

langt kräftig zu beim Schweinebraten.


Ich wünsche Ihnen, meine Leserinnen und Leser, ein anderes Jahr, als es 2022 gewesen ist. Weniger Streit, mehr Verständigung. Weniger Monologe, dafür die Fähigkeit und Geduld zum Zuhören. Und dass es uns in 2023 nicht an der Bereitschaft zur Solidarität mit den Bedrängten und Schwachen fehle.

 

Bleiben Sie dem Lyrikjoint gewogen. Das wünscht sich sein Autor

 

Rainer Sliepen