Nr. 243: Wie ein sanfter Musenkuss

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

am 29. April 2023 um 19.30 Uhr hat mir das Lessingtheater Gelegenheit zu einer Gedichtlesung gegeben. Dafür bin ich der Theaterleitung sehr dankbar. Denn Gedichte sind nicht unbedingt der Renner im Kulturbetrieb. Man muss um jede einzelne Leserin und jeden einzelnen Leser werben. Da haben es unbekannte Autoren wie ich doppelt schwer.

 

Und deshalb habe ich für meinen Abend im Lessingtheater einen besonderen Ansatz gewählt. Ich koppele bekannte, beliebte klassische Gedichte mit eigenen Produktionen und zwar in direkter thematischer Gegenüberstellung. „Gedichte – runderneuert“ habe ich diesen Ansatz genannt. In der Literaturgeschichte ist das unter dem Begriff „Kontrafakturen“ nichts Neues.

 

Hier ein kleines Beispiel einer Kontrafaktur oder Nachdichtung. Ich würde mich freuen, wenn ich Sie am 29. April im Lessingtheater begrüßen darf.

 

Theodor Fontane:

Du wirst es nie zu Tücht′gem bringen

 

Du wirst es nie zu Tücht′gem bringen

Bei deines Grames Träumerein,

Die Tränen lassen nichts gelingen,

Wer schaffen will, muß fröhlich sein.

 

Wohl Keime wecken mag der Regen,

Der in die Scholle niederbricht,

Doch golden Korn und Erntesegen

reift (!) nur heran bei Sonnenlicht.

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Rainer Sliepen:

Du wirst es nie zu Tücht´gem bringen

 

Du wirst es nie zu etwas bringen.

So meiner Jugend Melodie.

Dich muss zu deinem Glück man zwingen.

Deshalb siegst du im Leben nie.

 

Gezwungen hab´ ich nie das Leben.

Ich hab´ gewartet ohn´ Verdruss.

Und siehe, plötzlich ward´s gegeben

mir wie ein sanfter Musenkuss.

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Ja, ein sanfter Musenkuss wird einem selten zuteil. Dennoch, die Hoffnung auf das Unerwartete und vielleicht Utopische sollte man nie aufgeben.

 

Das wünscht Ihnen

 

Ihr

 

Rainer Sliepen