Nr. 290: Zu solchem Urteil sag ich nein

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

heute mal etwas ganz anderes: Die Verteidigungsrede eines unbekannten Reimers. Was soll ich dazu noch sagen? Ich meine, sie spricht für sich.

 

Verteidigungsrede eines

 unbekannten Reimers

 

Ich soll ein Herz-Schmerz-Dichter sein

fragt sich der Reimer ganz verwirrt.

Zu solchem Urteil sag ich „nein“.

Der Kritiker hat sich geirrt.  

 

Ich kann auch virtuose Verse schmieden.

Da reimt sich nichts auf Maid und Leid.

Metaphern bring ich leicht zum Sieden.

Da staunt die ganze Christenheit. 

 

 Des Wortes hohe Kunst beleben,

 das ist des Reimers Maß und Ziel.

 In die Arena sich begeben

 ist für ihn letztlich nur ein Deal.

 

Er dichtet und kennt keine Gnade.

Wohin auch sonst mit dem Talent?

Würd er jetzt schweigen – o wie schade.

Leer blieb das Dichterpostament.  

 

Drauf residiert der Reimer weise.

Dort will er Wort zum Satz verweben.

Begleiten seine Dichterreise,

das ist es, was wir wolln erstreben. 

 

Wird er uns seine Rätsel lösen,

die uns sein Wort zum Grübeln gab?

Es juckt in Kehlen und Gekrösen:

Wir nehmens mit in unser Grab.  

 

Wenn wir schon längst vergessen sind

in unserem morschen Modersarg

mit Frau, mit Hund und auch mit Kind,

dann reimt er weiter. Ohne Arg.

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So reimt er eben, was das Zeug hält. Bleiben Sie ihm dennoch gewogen. Das hofft mit herzlichem Gruß Ihr Zeitenbegleiter 

 

Rainer Sliepen