Neue künstlerische Einsichten beim Klavierabend in            St. Johannis

 

Pianistin Anna Zassimova wirbt für unbekannte Komponisten

 

Anna Zassimova in St. Johannis Wolfenbüttel                                                              Foto: Rainer Sliepen

 

 

14. Juni 2022, von Rainer Sliepen

 

Für dieses Konzert in der St. Johanniskirche gibt es ein dickes Lob, bevor der erste Ton erklungen ist. Kurzfristig und mit dem Mut zum Risiko wurde die Programmplanung über den Haufen geworfen.  Statt der festen Repertoire-größen Grieg, Szymanowski und Debussy, konzentrierte sich die in Moskau geborene Pianistin Anna Zassimova ne-ben dem verbliebenen Robert Schumann auf zwei Lands-leute, die hierzulande voll-kommen unbekannten Kom-ponisten Georges Catoire (1861 bis 1926) und Wsewolod Saderazki  (1891 bis 1953). Beide Kompo-nisten sind Opfer der sow-jetischen Kulturpolitik, da sie sich nicht in den Dienst einer sozialistischen Staatsverherr-lichung stellen wollten. Eine Wiedergutmachung lässt sich allerdings kaum nur mit dem erlittenen Unrecht begrün-den. Man durfte also ge-spannt sein auf die nach der Pause erklingenden Klavier-werke.

 

Doch zunächst Vertrautes und Bewährtes aus der deutschen Romantik. Anna Zassimova spielte zu Beginn die Arabeske op. 18 von Robert Schumann. Es ist eine von Glücksmomenten durchwehte Reflexion eines in sich ruhenden Menschen. Frei von Konflikten lässt Zassimova die eingängigen Melodien durch den Kirchenraum schweben. Es herrscht eine ungetrübte Atmosphäre der inneren Balance. Eine ideale Welt breitet sich vor dem Hörer aus. Zu schön, um wahr zu sein? Schumann schien ähnliche Gedanken zu hegen, als er seine 

Schöpfung „schwächlich und (nur) für Damen“ geeignet bewertete. Wir Nachgebo-renen werden uns dem großen Mann nicht anschließen können. Zu drängend ist unser Bedarf an Harmonie und Tröstung, als dass wir auf eine glückliche, wenn auch kurze Illusion von Friede, Grazie und Anmut verzichten könnten. Mit dem Faschingsschwank aus Wien op. 26 erdet Schumann seine Gefühle, ohne in eine derbe Lustigkeit abzugleiten. Zassimova versteht es, trotz klanglicher Opulenz immer wieder geistvolle Reminis-zenzen durchscheinen zu lassen, so Bruchstücke der Marseillaise als Aufbruchs-signal in eine neue Zeit. Auch hier immer wieder Phasen der Besinnung, wie in der Romanze, ein Innehalten, als ob ein vergnügungssüchtiger Zecher plötzlich an die End-lichkeit des Seins gemahnt wird. Graziös und voll tänzerischer Anmut lässt Zassimova das Scherzino vorüberziehen und schließ-lich vollendet sich der Schwank in der Kadenz des rauschhaft taumeligen Inter-mezzos. Eine Meister-leistung melodisch bildhafter Charakterisierungskunst.

 

Und dann die unbekannten Spätromantiker. Der Kontrast des Populären zum Unbe-kannten stellt das Hörver-ständnis auf die Probe. Doch Georges Catoires Musik-sprache erschließt sich bei unvoreingenommener Rezeption. Seine Quatre Préludes op. 17 sind voll farblich überquellender

Impressionen, die, so ein Interpretationsversuch, ein Betrachter beim Anblick eines ihm fremden, abstrakten Gemäldes empfindet. So auch der Stimmungsgehalt des zweiten Satzes. Auf knappstem Raum sind hier unaufdringlich Gefühle nach außen gekehrt, die in ihrer Unverstelltheit berühren. Zassimova beherrscht das Spiel mit Farben, Ab-schattungen und Nuancen. Schließlich Wsewolod Saderazki mit seiner dritten Sonate f-moll. Ein Werk voll überquellender Eingebungen, das Autobiografisches ver-muten lässt. 1937 wurde Saderazki als „Volksfeind“ gefangen genommen und in einen Gulag in Sibi-rien gesperrt.

 

Wie ein Trauermarsch ent-wickelt sich der zweite Satz. Über drohend rollenden Bässen singt sich eine helle Melodie aus, wie eine un-gebrochene Vision einer von Brutalitäten freien Welt. Erliegt der Rezensent hier einer Überinterpretation? Man wüsste gern mehr von den unbekannten russischen Spätromantikern. Gleichwohl gebührt der Dank Anna Zassimova, die ein Tor in die hermetisch abgeriegelte Welt des sogenannten bewährten Repertoires aufgestoßen hat. Das Publikum scheint ähnlich zu empfinden und dankt für einen Abend voller wunder-barer Musik, dargeboten von einer inspirierten und enga-gierten Künstlerin. Als Dank zwei Zugaben von Liszt und Chopin.